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Wie die Orte zu ihren Namen kamen PDF Drucken

Ortstafel LocoJeder Ortsname hat seine Bedeutung. Die Erklärungen dazu findet man in den Namenbüchern, die für einzelne Kanton vorliegen oder neu in der Datenbank Schweizer Ortsnamen. Aufgeschaltet sind bisher sechs Kantone aus der Deutschschweiz.

Was bedeutet «Bern»? Wie kam die «Hellweid» zu ihrem schönen Namen? Oder was hat es mit «im Lödö» auf sich? Wer sich für Schweizer Ortsnamen interessiert, erhält auf den Gemeindeverwaltungen und in den Bibliotheken Antworten, die Namen werden hier aber nicht systematisch gesammelt. Letzteres tun zwar manche Kantone, allerdings sammelt jeder Kanton für sich und jeder wieder anders. Eugen Nyffenegger, der kürzlich mit seinem Forschungsteam das Namenbuch des Kantons Thurgau publiziert hat, fiel vor einigen Jahren auf, dass in der äusserst aufwendigen Namenforschung zahlreiche Wiederholungen auftreten, die vernetzt Synergien schaffen würden. Er entwickelte die Idee, eine «Datenbank der Schweizer Ortsnamen» zu errichten, auf der die bereits vorhandenen Sammlungen deutschschweizerischer Orts- und Flurnamen einsehbar sind. Das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierte Projekt startete vor sieben Jahren, die Digitalisierung nur gedruckt vorliegender Namenbücher wird demnächst abgeschlossen.

Im Portal der Ortsnamen einsehbar sind zurzeit Orts- und Flurnamensammlungen der Kantone Appenzell, Glarus, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau und Zürich. Suchen lassen sich sowohl konkrete Namen als auch Begriffe wie zum Beispiel «Hell», was mit «Wiese» oder «Kulturland, Siedlungshof» beschrieben wird. Man erfährt mehr über die Quellen, kann über zoombare Satellitenbilder und Karten surfen und sich über sämtliche Untersuchungen sowie wissenschaftliche und populäre Texte zur Namenforschung informieren.

Projektleiter Hans Bickel meint, dass die «Arbeit insofern etwas quer in der Forschungslandschaft steht, als im Zentrum ein Dienstleistungsgedanke steht: «Wir ermöglichen eine neue Sicht auf bereits bekannte, von anderen Forschern erhobene Daten.»

Bei der jetzt öffentlich zugänglichen Datenbank handelt es sich um eine provisorische, so genannte Beta-Version. Probleme machen insbesondere die Sonderzeichen der phonetischen Schrift, weil diese auf verschiedenen Browsern und Computerplattformen nicht ohne weiteres richtig dargestellt werden können.

756 000 digitalisierte Belege

Insgesamt sind bis heute 756 000 schriftliche Belege digitalisiert. Rund die Hälfte sind so genannte «lebende Namen», also Namen, die heute noch verwendet werden. Der andere grosse Teil besteht aus historischen Quellen, mit denen die lautliche Entwicklung von Namen nachgezeichnet werden kann, was für deren Deutung unerlässlich ist. Auch wenn denn einst die Probleme mit den Sonderzeichen behoben sein werden – ganz abgeschlossen wird das Online-Namenbuch laut Bickel nie sein: «Die Datenbank kann und soll laufend ergänzt und an die aktuelle Computertechnologie angepasst werden.» Namenforschung ist immer eine «Nifeliarbeit», die viel Geduld und Präzision erfordert: «Man muss gerne im Archiv sein», meint Bickel. An einem neuen Namenbuch arbeiten in der Regel mehrere Personen über eine Zeitspanne von zehn bis zwanzig Jahren, manchmal auch bedeutend länger. Der grosse Aufwand erklärt sich damit, dass Namen nicht isoliert existieren, sondern immer auch mit Sprache und Geschichte zu tun haben; diesen grösseren Kontext gilt es in der Namenforschung zu berücksichtigen.

Im Gegensatz zu anderen Elementen der mündlichen Sprache bleiben sich die Namen über eine sehr lange Zeit hinweg gleich. Wenn für ein Gebiet oder eine Epoche kaum schriftliche Zeugnisse vorliegen, können die Siedlungsnamen zusammen mit der Archäologie Aufschluss über Migration und Siedlungstätigkeit vergangener Epochen geben. Die ältesten Namen haben laut Bickel meist Gewässer: «Der Name ‹Aare› führt beispielsweise in die keltische, vorkeltische, ja in die so genannte voreinzelsprachliche Zeit, als es noch keine einzelnen Sprachen gab. ‹Aare› schliesst auf ein Verb mit der Bedeutung ‹in Bewegung setzen›, ‹fliessen› zurück.» Aus keltischer Zeit, also aus der Zeit vor Christi Geburt, kennt man Ortsnamen, die mit der Endung «dunum» (urverwandt mit dem deutschen Wort «Zaun») gebildet wurden. Beispielsweise «Olten» (aus Ollodunum) oder «Thun», bestehend nur aus «Dunum». Aus der römischen Zeit (ca. 15 v. Chr. bis 400 n. Chr.) sind ebenfalls zahlreiche Siedlungsnamen überliefert, sehr bekannte sind «Augst» (aus Augusta Raurica) oder «Avenches» (aus Aventicum), aber auch kleinere Ortschaften wie «Metzerlen» (aus Maceriolae) haben in dieser Zeit ihren Namen erhalten. Ab dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. wurden Siedlungen oft nach alemannischen Sippenführern benannt und erhielten die Endung «ingun», was zu den heute zahlreich bezeugten «ingen»-Namen in der Schweiz geführt hat (Itingen, Binningen, Schwamendingen usw.). Namen von landwirtschaftlich genutzten Flächen, so genannte Flurnamen, sind in der Regel weniger alt. Viele sprechen vom Namen des Besitzers oder erzählen ein Stück lokale Geschichte.

Umstrittenere Bedeutung von «Bern»

Manche Namen sind trotz intensiver Bemühung nicht mehr zu deuten: «Das liegt daran, dass zwischen der Namengebung und der ersten Verschriftlichung manchmal mehrere Jahrhunderte liegen, so dass sich der ursprüngliche Name aus den historischen Quellen nicht mehr rekonstruieren lässt», erklärt Hans Bickel. So bleibt der interessant tönende Flurname «im Lödö» ebenso ungeklärt wie der Siedlungsname «Muttenz». Anderes ist in der Deutung umstritten: «Bern» beispielsweise komme von «Verona», in Erinnerung an Theodorich von Verona bzw. Dietrich von Bern, finden manche Forschende; die meisten führen den Namen unserer Landeshauptstadt aber auf einen keltischen Gewässernamen zurück, der früher den Aareabschnitt bei Bern bezeichnet hat.

In Stein gemeisselt

Künftige Historiker werden anhand heutiger Namen keine solche oder ähnliche Veränderungen mehr feststellen können, da sämtliche Schweizer Ortsnamen mittlerweile amtlich festgelegt und damit sozusagen in Stein gemeisselt werden. Neue kommen jedoch hinzu, zum Beispiel wenn neue Strassen gebaut werden. Hans Bickel beobachtet, dass die neuen Namen oft keinen Bezug zum Ort haben: «Es sind künstliche Namen, etwa wenn alle Strassen in einem neuen Quartier Vogelnamen oder die Namen von Tessiner Ortschaften erhalten.» Solange die neuen Namen allerdings positiv konnotiert seien, hätten die Anwohner nichts dagegen: «Grundsätzlich wohnen die meisten Leute lieber an einer ‹Sonneggstrasse› als in der ‹Söischwänki›.»

Für Laien sind die Informationen in den Namenbüchern respektive die Einträge in der Datenbank der Schweizer Ortsnamen nicht ganz einfach zu verstehen, da es sich bei der komplexen Materie immer um einen Spagat zwischen wissenschaftlich korrekten und gut lesbaren Texten handelt. Eingefleischte Namenkundler werden sich hingegen freuen, ohne grossen Aufwand Namen aus verwandten Projekten abrufen zu können.

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